Der kleine Unterschied

Eine wunderbare Ergänzung zu meiner persönlichen Golfphilosophie habe ich in der Süddeutschen Zeitung gefunden. Hier auszugsweise der Artikel von Wolfgang Wild.

Warum die Amerikaner ungezwungener golfen Grundsätzlich vorweg: Golf wird auch in den USA über 18 Löcher gespielt. Rote, gelbe und weiße Holzpfosten am Rande einer Spielbahn sind auch jenseits des Atlantiks anerkannte Eskalationsstufen auf der nach oben offenen Desasterskala. Der nette Mr. Mulligan ist in etwa so bekannt wie Muhamed Ali. Eine „Lady“ wirkt sich ebenso belastend auf die Getränkerechnung aus wie in Deutschland und auch zwischen Seattle und Miami beginnen Gespräche nach der Runde häufig mit dem Konjunktiv: „If I had not hit the bunker on hole 16, I could have shot a …“. Damit aber sind die Gemeinsamkeiten beinahe schon erschöpft.

Nach jüngsten Schätzungen spielen knapp 28 Millionen Amerikaner/innen Golf. Nur rund 4,5 Millionen davon als Mitglieder in Golfclubs. Lediglich diese bescheidenen 16 (!) Prozent haben ein „offizielles“, das heißt von der USGA anerkanntes Handicap. Auch in USA wird mit „Course-„ und „Slope-Rating“ operiert – der kleine große Unterschied besteht aber darin, dass es keiner Turniere bedarf, um sein Handicap (HCP) zu verbessern und damit ein fraglos wertvolleres Mitglied der Gesellschaft zu werden. Die Scorekarte jeder gespielten Privatrunde reicht aus, sofern mindestens ein Mitspieler mit einem freundlich-wohlwollenden „eyewitnessed and testified“ unterschreibt und das Zeugnis beim Clubsekretariat eingereicht wird. Das Handicap (HCP) errechnet sich aus dem Durchschnitt der besten zehn aus den zuletzt eingereichten 20 Scorekarten.

84 Prozent der golfenden, aber eben nicht in Clubs organisierten Amerikaner, also rund 23,5 Millionen haben kein offizielles Handicap. Schlaflose Nächte oder gar Minderwertigkeitskomplexe bereitet ihnen das nicht. Warum auch, schließlich wird man in keinem Proshop inquisitorisch nach Clubzugehörigkeit oder Handicap gefragt. Golfspielen kann und darf, wer sein Greenfee bezahlt – Ende. Dass es trotz dieser angenehm liberalen Regelung auf amerikanischen Plätzen nicht drunter und drüber geht, liegt zum einen daran, dass Golf Volkssport ist, also nahezu jeder die Grundregeln kennt, und außerdem die „Marshalls“ oder „Ranger“ auf beinahe allen Plätzen für einen zügigen und reibungslosen Spielbetrieb sorgen.

Golfspieler in Amerika – egal ob mit oder ohne offizielles Handicap – hören gerne schier unglaubliche Golf-Geschichten. Deshalb an dieser Stelle noch ein paar hilfreiche und nützliche Tipps, um kulturell-ethnische Barrieren schnellstmöglich zu überwinden:

Wenn Sie Ihre amerikanischen Flightpartner so richtig zum Lachen bringen wollen, erzählen Sie Ihnen einfach, dass in Deutschland die Handicap-Zählung bei 54 beginnt. Große Erfolge lassen sich auch mit dem Thema „Platzerlaubnis“ erzielen – bezeichnenderweise gibt es keinen englischen Ausdruck dafür. Wenn Sie dann noch nachlegen, dass für die Platzerlaubnis in Ihrer Heimat spezielle Kurse angeboten und dafür viele Euros verlangt und bezahlt werden, haben Sie einen mitfühlenden Freund hinzugewonnen, der Sie für einen richtig witzigen und fantasiebegabten Menschen hält und Sie höchstwahrscheinlich vor lauter Mitleid nach der Runde zum Essen einlädt.

Achtung: Übertreiben Sie es nicht gleich beim ersten Mal. Wenn Ihr US-Freund erfährt, dass in Deutschland bezahlt werden muss, um die Driving Range zu benutzen, ist es möglich, dass er darüber nachdenkt, wieder „Care-Pakete“ nach Deutschland zu schicken.

Wolfgang Wild